Bückeburg im Chemtrail-Fieber

Im Rahmen der Kundgebung der Genoss*innen vom Infoladen Bückeburg (facebook) wurde am gestrigen Abend ein positives Zeichen gegen Verschwörungswahn und jeden Antisemitismus gesetzt. Es fanden sich – trotz kurzer Mobilisierungszeit – zahlreiche Unterstützer*innen ein, die nach der Kundgebung zu kritischen Diskutant*innen bei der anschließenden Veranstaltung mit Verschwörungstheoretiker Tommy Hansen wurden. Im Rahmen der Kundgebung wurde ein Redebeitrag der Genoss*innen von Infoladen Bückeburg (facebook) und Infoladen Hameln verlesen, den wir nachfolgend dokumentieren, ebenso wie das überaus lesenswerte Flugblatt (Vorderseite / Rückseite).

Es gibt kein ruhiges Hinterland!
Der Redebeitrag findet sich nachfolgend:

Aluhut für Hansen!
Ein Text der Infoläden Bückeburg und Hameln

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen,

so sehr es mich bzw. uns freut, dass ihr alle heute hierhergekommen seid, um mit uns gemeinsam gegen Verschwörungsideologien und jeden Antisemitismus zu demonstrieren, so schade ist es doch gleichzeitig, dass es in einer vermeintlich aufgeklärten, bürgerlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts überhaupt noch notwendig ist, sich mit solch einem Irrsinn zu befassen wie ihn der für heute Abend angekündigte Verschwörungsideologe, Tommy Hansen, zu verbreiten pflegt. Denn nachdem sich der ursprüngliche Veranstaltungsort, das Hubschraubermuseum Bückeburg, mit einigen prägnanten Informationen über den Referenten, Tommy Hansen, und seinen verschwörungsideologischen Blog, Free21, auseinandergesetzt hatte, folgte zunächst die einzig vernünftige Reaktion: Das Hubschraubermuseum distanzierte sich vom Veranstalter und stellte seine Räume für ihn und seine lokalen Unterstützer*innen nicht mehr zur Verfügung. Nach den bescheidenen Maßstäben der Vernunft hätte das Elend hier bereits sein verdientes Ende finden können und ein jeder und eine jede von uns könnte sich angenehmeren Dingen des Lebens zuwenden. Jedoch konnte oder wollte der Bückeburger Bürgermeister, Reiner Brombach, uns allen diesen Gefallen offenbar nicht tun und bemühte sich folglich darum, dem Wahnsinn sogar im Le Theule-Saal im Bückeburger Rathaus eine Bühne zu geben. Dies, werte Zuhörerinnen und Zuhörer, ist der leidige Grund unserer heutigen Zusammenkunft und das Ende meiner einleitenden Worte.

Ich möchte nun einige Worte zur Person Tommy Hansen und seiner politischen Einordnung verlieren, um im Anschluss herauszustellen, warum eine Veranstaltung mit ihm aufs Schärfste zu kritisieren ist.
Tommy Hansen war Gründer des deutschsprachigen und angeblich vollkommen spendenfinanzierten Blogs, Free21, und gilt als Vertrauter des für seine antisemitischen Äußerungen in der Kritik stehenden Verschwörungsideologen, Ken Jebsen. Der gelernte Schriftsetzer Hansen bezeichnet sich selbst als investigativer Journalist – eine unzulässige Aufwertung seines Treibens übrigens, die (vollkommen unnötig) leider auch von den Schaumburger Nachrichten übernommen wurde. Gleichzeitig ist Hansen ganz im Sinne hiesiger besorgter Bürger der Ansicht, dass die Menschen von „den Medien“ bewusst belogen werden und daher die Rettung nur von der (vornehmlich finanziellen) Unterstützung seines zutiefst ehrlichen Blogs ausgehen wird. Der Blog behandelt im Wesentlichen klassische Themen aus dem Bereich der Verschwörungsideologien, um hier nur einige Artikelüberschriften als unmittelbar entlarvende Beispiele anzuführen:

„Organisierte Einwanderungswelle: Wer lockt mit Twitter Flüchtlinge nach Deutschland?“
„Wer kontrolliert das Wetter: Wetter als Waffe: Gedankenspiele des US-Militärs“
„Schattenregierung? Wie die Atlantik-Brücke die BRD lenkt“

So weit, so schlecht. Doch bereits vor dem Start von Free21 betrieb Tommy Hansen mit der Webseite stikimod.dk eine weitere Internetpräsenz, auf der er Verschwörungstheorien verbreitete. Unter anderem behauptete er bei stikimod in dänischer Sprache, dass seit dem Tod von Adolf Hitler der Nationalsozialismus durch Illuminaten weiterlebe. Zudem hätten die Bilderberger die EU und den Euro erschaffen und planten eine Neue Weltordnung (NWO). Von 2003 bis 2014 betrieb Tommy Hansen in Dänemark überdies die Internetseite pdfnet.dk, die kostenpflichtig das Ausdrucken von Webseiten auf dem eigenen Drucker möglich machte. Indirekt wurde der Service damit begründet, auf diese Weise gefährdete „Wahrheiten“ vor einer Zensur zu sichern. Allerdings erwies sich sein pdfnet als wirtschaftlicher Reinfall und wurde daher mittlerweile aufgegeben.

Vor seinen abenteuerlichen Aktivitäten im Internet hat Hansen durch das Verbreiten von Verschwörungstheorien um den 11. September 2001 auf sich aufmerksam gemacht. Hansen war dabei der Ansicht, dass der Anschlag 2001 auf das New Yorker World Trade Center auf eine Zusammenarbeit von saudi-arabischen Regierungsmitgliedern, Mitarbeitern des saudischen Geheimdienstes, des israelischen Geheimdienstes Mossad und der US-amerikanischen CIA zurückginge, weil der militärisch-industrielle Komplex davon Vorteile hätte.

Um es kurz zu machen: Wer anstelle von absolut notwendiger Gesellschaftskritik lediglich von Illuminaten, Bilderbergern, Neuer Weltordnung und dem allmächtigen Mossad zu reden gedenkt, der ist nichts anderes als ein Verschwörungsideologe und bedient sich antisemitischer Denkmuster, die mit einer emanzipatorischen Kritik des kapitalistischen Elends absolut nichts gemeinsam haben.
Dass der oder die Einzelne in der Gesellschaft der endlosen Verwertung des Werts (auch bekannt als Kapitalismus) sich selbst oft ohnmächtig vorkommt und dass die dramatischen Zustände auf diesem Planeten einen moralisch begründeten Widerspruch geradezu provozieren, ist zunächst einmal nachvollziehbar und wäre im Idealfall sogar ein guter Anknüpfungspunkt für eine emanzipatorische Linke, um Menschen für eine Gesellschaft zu begeistern, in der der kategorische Imperativ von Marx verwirklicht wäre:

„… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

Entscheidend wäre dabei jedoch, dass dem oder der Einzelnen verständlich gemacht werden kann, dass die negativen Folgen des Kapitalismus eben nicht auf das absichtsvoll falsche Verhalten weniger, zutiefst böser Menschen in irgendwelchen Hinterzimmern zurückgehen, sondern vielmehr gerade das Ergebnis des Funktionierens des Kapitalismus mit seinen immanenten Widersprüchen und den daraus erwachsenden Krisen sind. Dieser Weg, also der Weg der Selbstreflektion, der Aufklärung und der fortwährenden Schärfung der Waffen der Kritik, ist seinem Wesen nach mühevoll und lässt sich (leider) nicht abkürzen.

Und genau hier wiederum setzen Verschwörungsideologen und Antisemit*innen an, indem sie nicht nur einen vermeintlich kürzeren, sondern direkt den allerkürzesten Lösungsweg anbieten: Nämlich die Behauptung, dass die Welt in letzter Konsequenz von alleine gut und schön und gerecht wäre, wenn nur nicht diese Bilderberger, Illuminaten, Rothschilds und (all die anderen bemühten Ersatzbezeichnungen) für Jüdinnen und Juden durch ihre Handlungen, global für Elend sorgen würden. Dass Verschwörungstheorien und Vernichtungsfantasien zusammengehören, besingt daher nicht zu Unrecht eine derzeit vergleichsweise bekannte Band. Denn die letzte Konsequenz dieser verkürzten Welterklärung ist, dass ohne diese bösen Subjekte, der Kapitalismus eigentlich ganz dufte wäre und ihre Vernichtung somit nur vernünftig wäre.

Diesem Wahnsinn gilt es daher entschieden zu widersprechen, damit – um es mit den Worten Adornos zu sagen:

„Auschwitz nicht noch einmal sei, nichts ähnliches geschehe.“

Wir empfehlen der Stadt Bückeburg daher, wenn sie die Veranstaltung schon nicht verhindert, dass sie sich in dieser Sache deutlich positioniert, zum Beispiel indem sie in naher Zukunft einen Vortrag zur Kritik des Verschwörungsdenkens in selbigen Räumlichkeiten anbietet. Wir wären interessiert :-)

Für eine emanzipatorische Gesellschaftskritik!
Gegen Verschwörungswahn und jeden Antisemitismus!